Prävention

Prävention seelischer Erkrankungen

Als Psychosomatiker sind wir täglich damit beschäftigt die erkrankten Menschen zu behandeln, also erst dann einzugreifen, wenn „das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen“ ist. In den Therapien gehen wir aber umfassend auf die Ursachen und Entstehungen der Symptome und Erkrankungen ein und machen diese den Patientinnen und Patienten bewusst. Im Vordergrund stehen hier Entwicklungsdefizite, die aufgrund früher fehlgeschlagener emotionaler Bindungserfahrungen, Identifikations- und Lernvorgänge in der Eltern-Kind-Beziehung entstanden sind.

Psychosomatische Prävention ist ein Thema, dessen wir uns unbedingt widmen müssen, um zu verhindern, dass immer mehr Menschen chronisch seelisch erkranken. Nur Informationsvermittlung reicht nicht aus. Wichtig wäre den Schwerpunkt der Präventivmaßnahmen auf die entwicklungsfördernde gesunde emotionale Matrix, der ein Kind von Geburt aus ausgeliefert ist zu legen und die Eltern dahingehend zu sensibilisieren.

Die Unterteilung in Primär-, Sekundär.- und Tertiärprävention ist allgemeingültig:

Primäre Prävention soll das erstmalige Auftreten einer Krankheit vermeiden. Dies geschieht zum Beispiel durch Impfen, aber auch durch eine gesunde Lebensweise und gesunde Ernährung.
Sekundärprävention zielt darauf ab, Krankheiten möglichst früh zu entdecken, um rechtzeitige Therapien einleiten zu können. Dazu gehören zum Beispiel Früherkennungsuntersuchungen, wie regelmäßige Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung.
Tertiärprävention soll Folge- und Spätschäden, bereits eingetretener Erkrankungen verzögern, begrenzen oder möglichst verhindern. Die Verschlimmerung einer vorhandenen Krankheit soll also vermieden werden

Was bedeutet konkret Primär- Prävention psychosomatischer Erkrankungen?

Geboren werden Kinder nicht mit seelischen Erkrankungen. Einige Menschen sind dafür genetisch mehr prädestiniert als andere, aber es handelt sich nicht um angeborene Erkrankungen, die unausweichlich ausbrechen. Die Kindheitsjahre sind besonders entscheidend. Durch misslungene Beziehungen, fehlende positive Vorbilder, emotionale Überforderungen, traumatische Ereignisse, fehlenden Schutz etc. in dieser Zeit werden seelische Erkrankungen getriggert und brechen bei „geeignetem“ Auslöser aus.
Den Ausbruch und die Entwicklung von seelischen Erkrankungen können nur verhindert werden, indem wir die Bedingungen so gestalten, dass die Menschen sich innerlich qualitativ stabil entwickeln können und so anhaltend über sichere Coping- Strategien verfügen. Aber wie können wir das vermitteln, vor allem wenn wir dieses selber nicht optimal gelernt und erfahren haben? Der Schlüssel liegt darin zu wissen, dass unsere eigene Lebensgeschichte und unsere Erfahrungen unser heutiges Verhalten und Handeln maßgeblich bestimmt.

Wir sollten uns trauen, uns nach unserer Lebensgeschichte, unseren inneren Haltungen, unserem Umgang mit den Kindern und Jugendlichen zu fragen:

  • Wie sind wir aufgewachsen?
  • Was haben wir vermisst?
  • Was wollten wir bestimmt nicht weitergeben und tun es trotzdem?
  • Was stellen wir für Anforderungen an die nächsten Generationen?
  • Welchen Leistungs- und Perfektionsdruck fordern wir?
  • Benutzen wir Liebesentzug als Strafe?
  • Haben wir nicht auch Schwächen?
  • Hinter welchen Mauern verstecken wir uns?
  • Dürfen Emotionen sein oder tun wir schnell vieles als Gefühlsduselei ab?
  • Sind wir eigentlich wirklich autonom, authentisch, offen und verständnisvoll?
  • Können wir wirklich zuhören?
  • Sind wir voller Misstrauen und Missgunst?
  • Und was steckt dahinter?
  • Eigene Ängste?
  • Selbstwertzweifel, die wir vertuschen müssen mit Leistung, Titeln, Anpassung, Quantität anstatt Qualität?

Wenn wir verhindern wollen, dass unsere Kinder in ihrem Leben seelisch dekompensieren, dann müssen wir unseren Blickwinkel ändern. Und zwar vor der Geburt oder spätestens mit der Geburt der Kinder an.

Durch Selbstreflektion ist es möglich unsere Haltung und unserer Handeln anderen gegenüber zu ändern. Für die nächste Generation in den Familien ist das entscheidend.

Sich selbst zu reflektieren und die Haltung und das Verhalten zu ändern ist sehr schwierig, da es auch um unbewusste Prozesse geht. Insofern könnte es helfen, wenn dieser eigene Weg begleitet und unterstützt werden würde. Sie können diesbezügliche Gespräche schon als werdende Eltern wahrnehmen. Dabei ginge es um Information, Selbstreflektion und Bewusstwerdung von eigenem.

Wir müssen die Kinder sättigen und zwar nicht nur biologisch, sondern besonders auch emotional. Und sie haben ein Recht drauf, so wie wir dies auch hatten, als wir Kinder waren. Wenn wir sie emotional spiegeln, ernst nehmen und antworten, sie mit Achtung und Respekt behandeln, die Grenzen liebevoll und sorgsam setzen, sie schützen, aber nicht überbehüten, sind sie innerlich qualitativ gewappnet und können dies weitergeben.

Bei der psychosomatischen Prävention geht es also zum einen um das Erkennen von Risikofaktoren wie chronischer Disharmonie, Desorganisation in den Familien, fehlender psychosozialer Kompetenz, Gewalt, Missbrauch (besonders auch emotionaler), Überforderungen der Eltern, emotionaler Verwahrlosung und um das Etablieren von Schutzfaktoren wie positiven emotionalen Bindungen, sozialer Integration, Konfliktmanagement, Förderung von Selbstwert, Selbstvertrauen und Autonomie.